GUARDA! puraria

GUARDA! puraria "Von der Wiese auf den Teller"
vom 31. Oktober - 03. November 2019

 
 
 

Nachwort zu den Nationalratswahlen 2019


Offenbar sind die Bündner Wählerinnen und Wähler der Ansicht, dass Frau Martullo-Blocher und Frau Benguerel-Locher, unserer Landwirtschaft im Nationalrat mehr bringen als ein aktiver Bauer, ja dann kann man Duri Campell schon in die Wüste schicken.
Dir Duri, jedenfalls herzlichen Dank für Deine Arbeit zum Wohl der Bündner Bäuerinnen und Bauern.
Der Wolfsschutz lässt grüssen!

Joos Bühler, 1937, parteilos, Tschappina

Nein zur Trinkwasserinitiative

Vor zwei Jahren hat der Nationalrat mein 2015 eingereichtes Postulat angenommen, mit welchem ein „Bericht über die Entwicklungsperspektiven des Alpenbogens aufgrund der veränderten wirtschaftlichen Rahmenbedingungen“ gefordert wurde. Der Nationalrat hat diesen Vorstoss nicht zuletzt aus Sorge um die Erhaltung der wirtschaftlichen Selbständigkeit und die Überlebensfähigkeit des Alpenraumes zugestimmt. Diese ist aufgrund verschiedener Umstände, die nicht vom Alpen- oder Voralpenraum zu verantworten sind, in erheblicher Gefahr. Deshalb sind neue Belastungen, wie sie mit der zur Diskussion stehenden Trinkwasserinitiative zweifellos verbunden wären, für diesen Raum entschieden abzulehnen.

Einen wesentlichen Beitrag zur Erhaltung und zur Selbständigkeit des Alpenbogens bzw. unseres Berggebietes leistet unbestrittenermassen unsere Berg- und Alpwirtschaft. Obschon die Zahl der Landwirtschaftsbetriebe rückläufig ist, gewisse Alpen nicht mehr bestossen und insgesamt eine Abwanderung aus dem Berggebiet unbestreitbar ist, bietet die Berglandwirtschaft immer noch für viele Familien eine intakte Existenzgrundlage.
Die Berglandwirtschaft spielt aber auch für den Tourismus im Alpenraum, den wichtigsten Wirtschaftszweig Graubündens,  eine massgebliche und unübersehbare Rolle. Ohne die Pflege der Wiesen und Raine, der Wälder und Alpen, der Bäche und Quellen verlöre unsere Landschaft im alpinen Raum massgeblich an Schönheit und Charme. Verbuschung, Vergandung, Hangrutsche und andere verpönte Auswirkungen schlechter Pflege und Bewirtschaftung wären die unübersehbaren Folgen und würden unser Landschaftsbild negativ prägen. Nicht zuletzt aufgrund dieser vielfältigen Bedeutung der Berglandwirtschaft wird im Rahmen der Berggebietspolitik, der jeweiligen Vorlagen zur Agrarpolitik sowie andern Politikbereichen vieles zur Erhaltung und Stabilisierung des Berggebietes unternommen. Die grossen Anstrengungen dürfen nicht durch unbedachte Forderungen ungerechtfertigter Volksinitiativen zunichte gemacht werden.

Damit die Berglandwirtschaft leben und vor allem längerfristig überleben kann, müssen ihr auch vernünftige Rahmen- und Produktionsbestimmungen zugestanden werden. Existenzfähige Rahmenbedingungen im Kontext mit der Trinkwasserinitiative heisst konkret folgendes:

1. Ein genereller Verzicht auf jegliche Pflanzenschutzmittel würde zu untragbaren Mindererträgen und damit verbunden zu inakzeptablen Ertragsausfällen für die Bergbauern führen. Da das Berggebiet überdies immer wieder von witterungsbedingten Ertragsausfällen – wie dieses und letztes Jahr – übermässig betroffen ist, hätte ein genereller Verzicht auf Pflanzenschutzmittel besonders gravierende Auswirkungen. Eine Schmälerung des Einkommens ist nicht hinnehmbar.
2. In der Berglandwirtschaft trägt die Aufzucht von Tieren massgeblich zur Erzielung eines zeit- und sachgerechten Einkommens bei. Eine tierische Produktion ausschliesslich mit betriebseigenem Futter ist daher undenkbar und auch nicht möglich. Kaum ein Betrieb hätte aufgrund seiner topographischen Lage überhaupt die Möglichkeit, Ackerbau zu betreiben und damit alternative Versorgungsmöglichkeiten zu nutzen.
3. Gemäss Initiativtext soll das bäuerliche Einkommen nur unter der Voraussetzung eines ökologischen Ertragsnachweises durch Direktzahlungen ergänzt werden. Dieses umfasst die Erhaltung der Biodiversität, eine pestizidfreie Produktion und einem Tierbestand, der mit dem auf dem Betrieb produzierten Futter erreicht werden kann. Derart hohe Anforderungen hätten eine beträchtliche Gefährdung für das im Berggebiet etablierte und existenzsichernde Direktzahlungssystem zur Folge. Viele Berglandwirtschaftsbetriebe bzw. direktzahlungsabhängige Betriebe können jedoch nicht ohne – wenn auch bescheidenen – Pestizideinsatz und Zukauf von Futter leben. Die Folgen der hohen sachbezüglichen Anforderungen der Initiative wären entweder eine erhebliche Gefahr für das bewährte Direktzahlungssystem oder massiver, existenzbedrohender Einkommensverlust für viele Betriebe.

Rund 40% des Trinkwassers stammt aus Quellen und verfügt daher über einen hohen Reinheitsgrad. Der Bezug des Trinkwassers aus Quellen ist hauptsächlich im Berggebiet die Regel. Diese Quellwasser ist von hervorragender Qualität und kann nahezu überall unbedenklich genossen werden. Eine zusätzliche Belastung des Berglandwirtschaft mit zusätzlichen Auflagen und Bedingungen, wie sie mit der Trinkwasserinitiative verbunden wären, ist daher weder sachlich gerechtfertigt noch im Interesse des Gesundheitsschutzes erforderlich. Die Berglandwirtschaft hat in der Vergangenheit den Nachweis erbracht, dass sie sorgfältig und umsichtig mit den Wasserressourcen umzugehen versteht. Jede zusätzliche Belastung wäre daher unverhältnismässig.

Mit meinen Ausführungen möchte ich den Schutz des Trinkwassers in keiner Weise bagatellisieren. Es ist jedoch in diesem Zusammenhang einmal mehr festzuhalten, dass unser Trinkwasser über eine hervorragende Qualität verfügt und zu dessen Schutz bereits jetzt jährlich Investitionen von Hunderten Millionen erfolgen. Darüber hinaus sind seitens der Landwirtschaft zusätzliche Massnahmen über den Einsatz von Pestiziden beschlossen und zur Umsetzung bereit. Zusätzliche Belastungen wie sie mit der Trinkwasserinitiative verbunden wären, sind deshalb ebenso abzulehnen wie ein allfälliger Gegenvorschlag. Es sind vielmehr die bereits beschlossenen Massnahmen wie die Realisierung der geplanten Gewässerschutzzonen und der rückläufige Einsatz von Pestiziden umgehend in Angriff zu nehmen.

Heinz Brand, Klosters,
2. Vizepräsident Nationalrat

 

Preziada presidenta dil cussegl naziunal
Stimada cussegliera federala
Caras e cars collegas

Wir haben vorliegend einmal mehr mit zwei Volksinitiativen mit äusserst reizvollen Namen zu tun. Wer ist gegen sauberes Trinkwasser und gesunde Nahrung? Wohl niemand! Und wer würde es nicht begrüssen, wenn die Schweiz ohne synthetische Pestizide auskommen könnte? Wohl niemand!

Einmal mehr sind wir gut beraten die Initiativen genau anzuschauen. Wir haben hier mit zwei radikalen Initiativen zu tun, die gravierende Folgen für unser Land, nicht nur für die Landwirtschaft, sondern auch für das Gewerbe, für den Tourismus, aber auch für die Gesellschaft hätten. Beide Initiativen würden die Herstellung von landwirtschaftlichen Lebensmitteln stark einschränken und massiv verteuern. Mehr nicht ökologische und schlimmstenfalls ungesunde Importe wären die Folge. Es ist ja wohl nicht unbegründet, dass der Bundesrat, sämtliche Kantonalorganisationen des Schweizer Bauernverbandes, die einstimmige Konferenz der Landwirtschaftsdirektoren, die Wirtschaftsverbände und die Kommissionsmehrheit diese Initiativen und auch die Gegenvorschläge ablehnen.
Während die Pestizidverbotsinitiative den Einsatz von synthetischen Pestiziden in der landwirtschaftlichen Produktion generell verbieten will, scheint die Trinkwasserinitiative auf den ersten Blick sanfter. Sie ist aber nicht harmloser.
Die Trinkwasserinitiative verlangt, dass nur noch diejenigen Landwirtschaftsbetriebe mit Direktzahlungen unterstützt werden, die keine Pestizide einsetzen, ohne prophylaktischen Antibiotikaeinsatz in der Tierhaltung auskommen und deren gesamten Tierbestand mit dem auf dem Betrieb produzierten Futter ernährt werden kann. Gemäss Botschaft des Bundesrates sind unter dem Begriff der Pestizide sowohl jene Mittel, die im biologischen Landbau eingesetzt werden, als auch die synthetischen Pflanzenschutzmittel definiert. Wenn mit dem Einsatz aller Pflanzenschutzmittel, der ökologische Leistungsnachweis nicht mehr erfüllt werden kann, wie sollen dann selbst die Biobauern die Reben, das Gemüse oder das Obst, das sie anbauen und damit ihre Ernten vor Pilzkrankheiten schützen? Pestizide sind in erster Linie da, um Krankheiten zu bekämpfen, nicht um die Produktion anzukurbeln.

Weiter verlangt die Trinkwasserinitiative, dass der ökologische Leistungsnachweis nur noch erfüllt werden kann, wenn der Tierbestand, mit dem auf dem Betrieb produzierten Futter ernährt werden kann. Im Kanton Graubünden haben wir 60% Biobauern. Selbst diese Biobauern dürften von keinem Nachbarn, der ebenfalls Biobauer ist, mehr Futter zukaufen, wenn sie Direktzahlungen erhalten möchten. Solche Verfassungsbestimmungen sind völlig realitätsfremd, kontraproduktiv und würden auch die Berglandwirtschaft im Kern treffen. Dies obwohl gerade die Landwirtschaft im Berggebiet auf nachhaltige und ökologische Produktionsformen ausgerichtet ist.
Weder neue Verfassungsbestimmungen noch neue Gesetze sind notwendig. Mit dem «Nationalen Aktionsplan Pflanzenschutz», der «Nationalen Strategie Antibiotikaresistenzen» und dem «Aktionsplan Biodiversität» liefert der Bundesrat die richtigen Antworten auf die anstehenden Herausforderungen. Die Aktionspläne und Strategien sind nun rasch und glaubwürdig umzusetzen. Hier ist auch der Schweizer Bauernverband in der Pflicht. Nur dann können die gesetzten Ziele rasch und zuverlässig erreicht werden. Zum Schutz des Trinkwassers ist das bestehende Gewässerschutzgesetz umzusetzen.
Ich glaube an die Wirksamkeit der nationalen Aktionspläne. Ideologische und dogmatische Vorlagen bringen uns nicht weiter. Es wäre falsch, wenn unsere Vorgaben und Normen international noch einmaliger werden. Die vorliegenden Initiativen hätten massive Auswirkungen auf die Produktivität unserer Landwirtschaft, inkl. Biolandbau. Fakt ist nämlich, dass mit einer geringeren Produktivität und höheren Produktionskosten noch mehr landwirtschaftliche Produkte importiert werden müssten. Ausländische Produkte entsprechen jedoch in Bezug auf Ökologie und Tierhaltung selten den Schweizer Standards. Auch ist es nicht sehr klimafreundlich noch mehr Nahrungsmittel zu importieren. In diesem Sinne sollten wir den eingeschlagenen Weg mit den Aktionsplänen fortsetzen und beide Initiativen ablehnen.

 
 
 
 
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